Sonntagspatrouille

Im Wald habe ich Samy abgelöst, der dort zuverlässig seine Runden dreht. Mir ist auf meiner Tour ebenfalls nichts besonderes aufgefallen – abgesehen von einem kleinen Erdhügel, der gestern noch nicht zu sehen war. Vermutlich handelt es sich um den Neubau eines Winterquartiers direkt neben meiner Buddy Lane.

Leo, der die Siedlung kritisch im Auge behält und normalerweise alle Vorkommnisse lautstark kommentiert, wusste ebenfalls keine Zwischenfälle zu berichten. Also steht uns wahrscheinlich ein geruhsamer Erntedank-Sonntag bevor.

Muss ich mich nun für Entenstreifen extra bedanken, oder ist der Dank pauschal abgegolten, wenn ich beim Naschen ganz besonders lieb schaue?

Bayerns Wegbereiter

Geräuschvoll, rabiat und rücksichtslos wird für die Zukunft vorgesorgt. Als ob es Sinn macht, eine gerade Linie zu verfolgen und dabei alles, was sich auch nur ansatzweise in den Weg stellen könnte, dem „Großen und Ganzen“ zu opfern. So viele kleine Lebewesen gehen dabei kaputt, dass es mich unendlich traurig macht.

Unsere Individualität droht am System zu scheitern. Deshalb rufe ich alle Vierbeiner mit Assistent*innen auf, demonstrativ auf die Straße zu gehen und zu protestieren. Wir brauchen keine Autobahn im Wald, auf der sich zwei Harvester begegnen können ohne auszuweichen. Wir brauchen ein funktionierendes System, das sich selbst regulieren kann – überall, nicht nur im bayrischen Wald.

Ziegenkäsewürfel

Zurück von der Morgenwanderung begegnete mir am Anfang der Buddy Lane Freund Balou. Er hielt jedoch viel mehr Abstand, als neuerdings vom Gesetzgeber verlangt. Vermutlich lag es an meiner imposanten Erscheinung, mit der ich seine Begleiterin in Schach hielt und nur gegen Herausgabe von Entenstreifen weniger bedrängte.

Doch dann ging die Sonne auf, denn Yvi kam mir auf dem schmalen Pfad entgegen. Meine herzallerliebste Yvi, die mich stürmisch begrüßte, während sich Balou vorsichtig näher wagte. Natürlich hat er ebenfalls ein Auge auf sie geworfen, aber da hat er Pech gehabt. Mit einem kehligen Laut gab ich ihm zu verstehen, dass er bei diesem Tête-à-tête nicht erwünscht ist und er hat es notgedrungen akzeptiert.

Yvi hat ihre Assistentin perfekt erzogen. Bei ihr gibt es Leckerbissen, von denen ich nicht einmal träumen könnte, weil ich so etwas Feines noch nie zwischen den Zähnen hatte. Mit Ziegenkäsewürfeln wurden wir beide verwöhnt – daran sollte sich meine Residenzköchin unbedingt ein Beispiel nehmen.

Bayrische Stacheln

Purer Leichtsinn! Typisch für alle die nicht hören wollen und keinen guten Rat annehmen – sie leben gefährlich. Irmgard, aus einer alteingesessenen bayrischen Igeldynastie – seit wir uns näher kennen, darf ich sie Irmi nennen – ist nach wie vor tagsüber in ihrer Kuhle anzutreffen.

Sie hätte keine Angst vor Beutegreifern und der rote Milan, der hier seine Kreise dreht wäre ihr sowieso egal.

Meinem Freund Balou, der schon oft sein nulltes Frühstück mit mir geteilt hat, war sie nicht so wohlgesonnen. Er hat mir vorhin erzählt, dass sie sich fauchend zusammengerollt hat, als er sich nach ihrem Befinden erkundigen wollte.

Als alter erfahrener Rüde konnte ich ihn trösten. Weibchen, egal welcher Gattung, lassen auch die besten Männer grundlos abblitzen. Also Nase hoch und auf zu neuen Abenteuern!

Schwarz-Weiß-Programm

Farbe wäre mir wesentlich lieber – am liebsten uni! Ich möchte doch einen attraktiven Kontrast bilden, mich vor einem ansprechenden Hintergrund – natürlich ist es in dem Fall der Untergrund – präsentieren, der meine Schönheit bestmöglich zur Geltung bringt.

Garantiert lenken die Karos von meinen wohlgeformten Rundungen ab, den Zeugnissen meiner Muskeln und Manneskraft. Deshalb fürchte ich zu Recht, dass meine weiblichen Fans wegen diesem Muster auf andere Ideen kommen und kein Interesse mehr an einer Schmusestunde haben. Dann geht es vordergründig wieder nur um Mode, um die aktuellen Herbstfarben und das neueste Winterfell. Doch wo bleibe ich?

Gebratener Igel

Wenn ich den erwische, der meiner neuen Igelfreundin ans Leder, pardon, an die Stacheln will, den lasse ich meine Zähne spüren! Lifestyle und die aktuelle Trendküche ist Irmgard fremd, deswegen hat sie keine Angst in einem Kochtopf zu landen und verbringt ihre Tage bis zur Dämmerung in einer Kuhle am Waldrand. Für jeden sichtbar, zumindest für jemanden wie mich der seine Augen offen hält, liegt sie wie auf einem Präsentierteller, völlig ungeschützt.

Bis ins 19. Jahrhundert war es üblich, Igel und auch Schwan (der jedoch ziemlich trocken sein soll) zuzubereiten; alte Kochbücher gehen noch darauf ein. Eine Empfehlung lautet, Igelfleisch von allen Knochen und Knorpelteilen zu befreien und in Schafsmilch mit Lorbeerblatt und Knoblauchzehen einzulegen.

Alleine der Gedanke daran lässt mich zum Vegetarier werden. Ab sofort werde ich Irmgard mindestens einmal täglich besuchen und mich als Beschützer anbieten.

Die beste Tarnung nützt nichts, ich entdecke alles!

Teppichprüfer

Als promovierter Teppichfalter konnte ich gestern meine Fähigkeiten bei einem neuen Teppich unter Beweis stellen. Die Anforderung an mich lautete, einen Bericht über die Tauglichkeit zu erstellen. Nichts leichter als das!

Geruch: ok – Pfotenschmusigkeit: ok – Materialweichheit: ok

Dieser Teppich bestand sogar meine Steppengrasprüfung im Handumdrehen, respektive beim Krallentest. So angenehm habe ich schon lange nicht mehr geruht. Daher beschloss ich einem ausgedehnten Nachmittagsschlaf den Vorzug zu geben. Der Tauglichkeitsbericht konnte bis heute warten!

Nulltes Frühstück

Dank meiner hervorragenden Intelligenz konnte ich ein schwerwiegendes Problem ruckzuck lösen. Diesmal geht es nicht um meinen Harem, oder eine meiner Favoritinnen. Es geht ums Überleben, genauer gesagt ums Essen, wie könnte es auch anders sein!

Mein straff getakteter Tagesplan sieht primär einen Waldspaziergang vor, danach gibt es die erste Mahlzeit des Tages – mein Frühstück. Etwas später folgt ein zweites Frühstück, das mich auf ein gediegenes Mittagessen vorbereitet.

Clever schlage ich morgens vor, auf meiner Buddy Lane zu sprinten. Die hat nämlich den Vorteil, dass ich mich kaum quer stellen muss, damit keiner mehr vorbei kommt ohne mir einen Keks zu schenken. Wenn er zu klein war, wiederhole ich die Übung unverzüglich und so oft, wie ich es für richtig halte. Eben so, wie ich es in einer meiner Influencer-Lektionen schon beschrieben habe.

Doch nun zurück zum Problem: Wie soll ich diese Mahlzeit nennen? Es handelt sich gewiss um kein Hors d’œuvre, aber es ist auch kein echtes Frühstück. Für die paar Muntermacher, mit denen ich meinen Kreislauf anrege, fand ich heute die Lösung und einen trefflichen Namen.

Das ist mein nulltes Frühstück.

Zwischen meine Zähne passen viele Entenstreifen, Lachsröllchen und Vitaminkekse!

Wolfsdouble

Was hier nicht stimmt, ist eindeutig! Ich bin kein Wolf, und das (Rot-) Käppchen ist allerhöchstens violett. Es würde mich aber reizen, in die Rolle eines Wolfs zu schlüpfen. Als Wolfsdouble würde mir gewiss noch größerer Respekt entgegen gebracht, vielleicht hätte ich dann sogar noch mehr weibliche Fans.

Ich werde ernsthaft darüber nachdenken und meine Sekretärin nach dem zweiten Frühstück mit der Erstellung einer Sedcard beauftragen. Zum Glück trage ich weder Tattoos noch Piercings. Was allerdings viel wichtiger ist, die Bewerbung geht nicht an Heidi. Oder sollte ich den Schritt wagen und Germany’s next Topmodel werden? Bei entsprechend guter Gage wäre es eine Überlegung wert: Lebendgewicht in Entenstreifen? Das klingt verlockend, zumal ich mit meinen rund 30 Kilos garantiert schwerer bin als mögliche Mitbewerber*innen!

Aufregendes Nachtleben

Zuerst sah ich nur schemenhafte Gestalten. Meine Neugierde ließ mich jedoch keinen Moment zögern, den Fremden beherzt entgegenzutreten, bis ich beide erkannte. Vor mir stand Irmgard mit ihrer Tochter Ida, von denen ich mit einem freudigen Ruf begrüßt wurde. Ida lief munter auf mich zu, erzählte von ihrem Vater, der eigene Wege ging und dem ich etwas ausrichten sollte, falls ich ihm begegne.

Tatsächlich traf ich den griesgrämigen alten Igel etwas später auf dem Rückweg aus dem Wald, doch er war nicht an einem Gespräch interessiert. Ganz im Gegenteil! Er fauchte mich an und ließ mich einfach stehen, während er sich mit Schwung wegrollte.

Dienstagsphilosophie

So viele Dinge passieren ohne mein Zutun. Ein Tag beginnt, die Sonne geht auf und die Vögel zwitschern. Doch alles wäre nur halb so schön ohne mich. Also nehme ich hin was geschieht und genieße es, mich als ein Teil des Ganzen zu fühlen.

In aller Ruhe betrachte ich die Welt, beginne damit vor der Haustüre meiner bayrischen Residenz und meditiere so lange es mir gefällt. Einzig der Geruch von Entenstreifen kann mich aus meinen tiefgründigen Betrachtungen reißen und zur Napfkontrolle animieren.

Zähne putzen

Psst, nicht so laut, es ist schon spät. Ich will niemanden beim Fernsehschlaf wecken, während ich auf leisen Pfoten ins Bad marschiere. Meine Zahnputzutensilien habe ich schon zwischen den Zähnen.

Lange Zeit hatte ich echte Zahnprobleme. Ich würde mich nicht wundern, wenn das eine oder andere Date geplatzt ist, weil ich Mundgeruch hatte. Doch das ist vorbei und ich bin froh, dass da noch der Bullenpenis lag, dem Yvi bei ihren Stippvisiten ausnahmsweise keine Beachtung schenkte. Die Süße ist immer nur an mir interessiert.

Es tut richtig gut, wieder kraftvoll zuzubeißen! Gleich morgen bewerbe ich mich bei blend-a-med und zeige, was meine Zähne mit einem grünen Apfel machen können.

Mein Weg zum Weltruhm

In meiner Eigenschaft als Manager für alles und jeden war es an der Zeit, auch einmal an mich zu denken. Dabei haben dies längst schon andere für mich getan – und haben mich in weiser Voraussicht weltberühmt gemacht.

Meinen Liverpooler Freunden, den Beatles, verdanke ich dieses wundervolle Lied, mit dem sie mir eine unbeschreiblich große Freude bereitet haben.

Buddy Lane is in my ears and in my eyes
There beneath the blue bavarian skies
I jump, and meanwhile back

Buddy Lane is in my ears and in my eyes
A four of fish and finger pies
In summer, meanwhile back

Mit diesem Song im Ohr sprinte ich morgens über meine ganz persönliche Buddy Lane, meinen Lieblingsweg im Wald. Nachdem ich mich um Dackel Nero und seine Kaiser-Nero-Allee gekümmert habe, war ich nun an der Reihe und genieße diese Ehre in der mir angeborerenen Bescheidenheit Tag für Tag aufs Neue.

Meine Fans, vor allem die weiblichen, werden begeistert sein und ich hoffe auf viele heimliche Treffen genau dort, wo die Buddy Lane vom breiten Wirtschaftsweg abzweigt. Aber bitte mit Termin liebe Damen, sms auf mein Handy genügt. Denn mein Profil auf Badoo, meinem persönlichen Dating-Portal, werde ich noch anpassen. Dann rechne ich mit einer Flut attraktiver Angebote und bin wieder unermüdlich als Callboy im Einsatz.

Frühstücksrunde

Wichtige Nachrichten und den neuesten Klatsch und Tratsch erfahre ich am liebsten noch vor dem Frühstück. Warum? Ganz einfach: nach dem Frühstück will ich mich zu einem gepflegten Nickerchen zurückziehen, am besten im abgedunkelten Büro mit dem leisen Klappern einer Tastatur als Hintergrundgeräusch.

Samy muss dringend abnehmen, weigert sich aber weiter zu laufen als unbedingt notwendig; angeblich tut er das aus Rücksicht auf seinen Zweibeiner. Yvi und ich wollten ihn animieren, mit uns herumzutoben, doch das gefiel ihm gar nicht. Die Unruhe im Rudel hat er sofort lautstark verbellt, bis wir wieder gelangweilt neben ihm standen. Aber nur so lange, bis er sich in Fotopose gesetzt hat, dann spielten wir wieder Fangen.

Yvi wollte mir noch erzählen, was ihr neuerdings gefüttert wird, aber das ging in Samys erneutem Bellen unter. Dass ich zu guter Letzt die falsche Richtung für den Heimweg eingeschlagen habe und meinem Beschützerinstinkt folgend mit Yvi ging, sei nur der Vollständigkeit halber erwähnt. Der Pfiff, der mich rufen sollte war definitiv zu leise. Ich habe ihn wirklich nicht gehört, also wirklich beinahe nicht!

Abschied von Anneliese

Endlich – wir alle sind endlich. Für Ratte Anneliese war es wohl schon vor vielen Wochen so weit. Ihr Futter war unberührt geblieben, ihr Bau schien längst unbewohnt, heute habe ich sie gefunden. Die kleine Wanderratte wandert nun in höheren Gefilden.

Meiner Nase entgeht nichts, auch wenn es manchmal traurige Dinge sind, die wir gar nicht wissen wollen. Für das, was von Anneliese übrig blieb, werden wir im Laufe des Tages eine feierliche Bestattungszeremonie abhalten.

Anschließend lerne ich einen weiteren bayerischen Brauch kennen: den Leichenschmaus. Da erinnern wir uns an Anneliese und an das erste Mal, als sie sich fotografieren ließ, oder als die Kletterkünstlerin ganz oben auf der Forsythie aus den Zweigen grinste. Es wird feines Essen (Entenstreifen?) geben, und am Ende soll ich mich verabschieden mit den Worten „does woar a schöne Leich!“

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