Abstellgleis

Mein Unmut nimmt spürbar zu, denn ich fürchte die Position als Nummer 1 in der Präsidentensuite meiner Residenz zu verlieren. Es geht schon damit los, dass meine Sekretärin plötzlich vom 17. Jahrhundert schwärmt und sich anscheinend nur noch damit beschäftigt, während ich im 21. Jahrhundert vergeblich auf ihre Assistenz hoffe.

Der Hausmeister, mit dem ich schon mal ein Schwätzchen gehalten habe, wenn sonst niemand greifbar war, werkelt in anderen Werkstätten und die Köchin, die hat plötzlich ganz aberwitzige Ideen. So lange sich für den selbst gemachten Hustensirup – ich will gar nicht wissen, was sie sonst noch fabriziert – andere Probanden finden, reicht ein kritischer Blick durch die offene Küchentür. Sobald ich mir das Essen aber selbst zubereiten muss, trete ich in Streik!

Versuchsweise tue ich das jetzt schon, ziehe mich zurück und muss feststellen, dass so ein Abstellgleis durchaus auch etwas für sich hat. Hier stört mich niemand und ich kann mich nach den vielen Arbeitseinsätzen endlich einmal richtig ausschlafen!

Zirkusnummer

Mein Freund Balou hat mir heute gezeigt, wie schnell er seiner Assistentin die Leckerbissen aus der Tasche lockt. Er springt dafür auf jeden Baumstumpf am Wegrand und wird für seine Zirkusnummern fürstlich belohnt.

Mir erscheint das vollkommen überflüssig. Für einen stattlichen Rüden wie mich gibt es bessere Methoden, die kein bisschen anstrengend sind, aber ein kluges Köpfchen erfordern.

Auf so einem schmalen Pfad wie diesem reicht es vollkommen, wenn ich mich quer stelle und einen kurzen Blick auf die Jackentasche richte, in der sich Balous Entenstreifen befinden. So komme ich völlig stressfrei an das Gleiche, wofür der Brave seine Balancekünste in teilweise schwindelerregender Höhe vorführt.

Blutsauger

Dank meiner umfassenden Erfahrung stehe ich auch führenden Pharmakonzernen zur Seite. Zwar nicht als Virologe, dafür fehlen mir noch diverse Auszeichnungen und Heerscharen von Lobbyisten, dafür aber unter anderem als Spezialist für Leishmaniose.

Wegen dieser Krankheit, beziehungsweise dem Stich einer Sandmücke Lutzomyia longipalpis verlor ich mein Augenlicht auf der rechten Seite. Deswegen bin ich umso aufmerksamer geworden und sorge in jeder Lebenslage (vorzugsweise im Liegen!) dafür, dass mir nichts entgeht.

Nachzulesen auf Seite 13 meines Ratgebers, doch viel lieber halte ich persönliche Vorträge gegen einen entsprechenden Obolus in Form meiner heißgeliebten Entenstreifen! Das Entgelt für Audienzen im Einzelgespräch regelt meine Agentin auf Anfrage.

Allee contra Pfad

Im schattigen Wald ist es zwar angenehm kühl, aber die Verantwortung für die Aufsicht derart wichtiger Arbeiten kann enorm schweißtreibend sein. Nebenbei durfte ich auch noch aufpassen, dass nicht alle Hölzchen und Stöcken entfernt werden, weil viele meiner Kameraden gerne eine solche Trophäe zwischen die Zähne nehmen. Allen voran ist Yvi diejenige, die mit den größten Prügeln nach Hause läuft und mir so manches Mal eines ihrer Hölzer als Geschenk vor die Residenz legt.

Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass ich den Arbeitseifer der Bayern falsch eingeschätzt habe. Was ich ursprünglich als künftigen Kaiser-Nero-Pfad vor meinem geistigen Auge gesehen habe, macht der Via dei Fori Imperiali von Rom Konkurrenz! Daher habe ich mich entschieden, dieser wundervollen Prachtstraße den Namen Kaiser-Nero-Allee zu verleihen.

Der Termin für die offizielle Einweihungsfeier steht noch nicht fest, aber alle Zweibeiner, die daran teilnehmen wollen, sollten jetzt schon für reichlich Entenstreifen sorgen. Unser Picknick soll schließlich ein rauschendes Fest für alle Vierbeiner der Region werden!

Ab sofort ist der steile Weg passé, der rechts abzweigt, und es gibt keine Rutschpartie mehr im Winter bei Glatteis!

Nachwuchsnatter

Zum Glück bin ich nur in Bayern und nicht in Indien und meinen Weg kreuzte keine Kobra, sonst hätte diese Begegnung anders ausgehen können. Gerade mal 25 Zentimeter lang, aber ziemlich frech, schlängelte die kleine Ringelnatter über meinen Weg. Mit gebührendem Abstand beobachtete ich ihre eleganten Bewegungen und wurde gleich ein bisschen neidisch.

Wenn meine Zunge im Vergleich zum Kopf so lang wäre, wie bei diesem Racker, könnte ich mindestens die doppelte Menge Hundekekse auf einmal naschen. Beneidenswert! Ihre Mutter soll ihren Mittagsschlaf schon im Garten meiner Residenz gehalten haben und ich bin gespannt, ob sie sich irgend wann mal wieder blicken lässt.

Wächter der Götter

Mein ausgezeichnetes Gehör erlaubt mir, das Gras wachsen zu hören. Deshalb bin ich in der Lage, dem Hausmeister meiner Residenz genaue Anweisung zu erteilen, wann der nächste Rasenschnitt fällig ist. Darüber hinaus erkennen meine sensiblen Antennen im Voraus, wie sich etwas entwickelt, beispielsweise ob die Köchin nach dem Zuklappen der Kühlschranktüre meine Fleischklopszutaten in der Hand hat.

In der skandinavischen Götter- und Heldensage Edda steht schon geschrieben, wie gut Heimdalls Ohren waren. Der Wächter der Götter konnte das Gras auf der Erde wachsen hören und die Wolle auf den Schafen. In meiner früheren Heimat war ich mit den Schafen ebenso erfolgreich und das mit dem Gras stelle ich tagtäglich erneut unter Beweis!

Kaiser-Nero-Pfad

Seiner kaiserlichen Hoheit, dem kleinen Nero, gebührt das Recht der Namensgebung für den neuen Weg im Wald. Dort, wo sich mein Lieblings-Häufchenplatz befindet, führt ein Fußweg steil bergauf zu einem geschotterten Wirtschaftsweg. Auf halber Strecke zweigte früher ein Pfad nach links ab, der weiter hinten ebenfalls in den Wirtschaftsweg mündete – nur nicht so steil.

Eine Gruppe von Anwohnern wird diesen Weg nun freischneiden und begehbar machen, weil einigen älteren Menschen der steile Anstieg (insbesondere im Winter) zu beschwerlich geworden ist. Dies wurde heute bei einer Ortsbegehung (ich war Zeuge!) von der Fortverwaltung genehmigt.

Jetzt dürfen unsere Assistenten, und alle die sich dafür halten, endlich einmal beweisen was sie wirklich können. Während ich dies mit gebührendem Abstand beobachten werde, kann ich sämtliche Details zur weiteren Vorgehensweise exakt ausarbeiten.

Die Benutzung unserer neuen Anbindung zur A7 (der Anfang ist damit auf jeden Fall gemacht) wird selbstverständlich mautpflichtig. Wir kassieren im Voraus nach Körpergewicht und verlangen von jedem, egal ob Vier- oder Zweibeiner, die genau gleiche Menge an Entenstreifen. Besonders Schwergewichtigen werden Schinkenknochen abverlangt. Wer daran zweifeln sollte, dass meine Pläne in die Tat umgesetzt werden den erinnere ich daran, dass ich jahrelang der Anführer der Gangster vom Galgenfeld war!

Liebesbeweis

Meine Nebenbuhler werden zusehends gefährlicher, der Konkurrenzkampf nimmt von Tag zu Tag zu. Noch bin ich der Platzhirsch, also der größte und stärkste aller Bewerber um die Gunst unserer heiß begehrten Yvi. Es wäre nicht auszudenken, wenn mich einer der jungen Wilden überflügelte.

Deshalb will ich den anderen immer einen Schritt voraus sein und überhäufe die Süße regelrecht mit Leckerchen. Wenn sie zu Besuch kommt, überlasse ich ihr meinen Napf und meine Spielsachen lege ich ihr ebenfalls zu Füßen. Doch ich bin überzeugt, dass diese alltäglichen Dinge irgendwann ihren Reiz verlieren, dann hilft kein Lachshautknochen mehr, dann schwänzelt sie mit einem anderen.

Zum bevorstehenden langen Wochenende will ich Yvi einladen, einen romantischen Spaziergang mit mir zu machen. Am Hafen entlang werde ich sie dorthin führen, wo ich ihr mein Herz schenke. Sie wird es lieben!

Unendlich rund ist der Sockel meiner Liebe für alle, die ich in mein Herz geschlossen habe.

Hoffentlich gelingt mir die Inschrift auf dem Herz. Ach, wenn ich nur endlich wüsste was ich schreiben soll. Am besten lasse ich aber meinen Namen weg, denn es wäre nicht auszudenken, wenn das eine der anderen Damen lesen würde. Umira hat mich kürzlich schon keines Blickes gewürdigt und Daisy wäre dann sicher wieder so unleidlich wie zuvor.

Bayrisches Fensterln

Für meine Freunde Samy und Nero steht Brautwerbung immer noch ganz oben auf der Wunschliste. Dummerweise sind beide auf das gleiche Weibchen aus, wovon sie zum Glück nur etwas ahnen, aber nichts genaues wissen. Irgend jemand muss ihnen von dem bayrischen Brauch des Fensterlns erzählt haben. Seit dem versuchen sie sich in ihren Anstrengungen gegenseitig zu überbieten.

Dabei verwechseln die potentiellen Freier grundlegendes, setzen sich selbst in Fensterposen und hoffen, dass die Angebetete zufällig vorbeikommt und Notiz von ihnen nimmt. Aber der Kavalier – in dem Fall bin ich das – genießt und schweigt. Denn wenn die zwei von meinen Bettgeschichten mit Yvi wüssten, wären sie bestimmt unendlich traurig und das kann ich auf keinen Fall verantworten.

Frühschicht

Rufus arbeitet im Haus Sonnenblick, einer Pension, die hauptsächlich Dauergäste beherbergt. Während ich noch mit meiner Animateurin beim Frühsport bin, beginnt für ihn bereits die Frühschicht. Mit seiner Arbeit würde ich keinesfalls tauschen. So wie ich es verstanden habe, ist er als Pausenclown beschäftigt: ein sehr anspruchsvoller Job.

Es gelingt dem lustigen Gesellen immer, seine Zuschauer zum Lachen zu bringen. Wie gut er dafür bezahlt wird, konnte er mir noch nicht erzählen, weil er nicht zu spät kommen wollte und eilig zum Dienstbeginn unterwegs war. Ich dagegen lief noch ein Stück weit mit Yvi durch den Wald, begleitete Balou auf dem Rückweg und ziehe mich jetzt nach viereinhalb Kilometern Sport und einem herzhaften Frühstück auf mein bürointernes Steppengras zurück.

Schlau, verspielt, aufgeweckt, wachsam, sehr lebendig, beweglich, gefühlvoll, treu und stolz – das alles wird von Rufus erzählt, der stets fröhlich und niemals bösartig ist.

Regenwaldbewohner

Temperaturen ganz nach meinem Geschmack, lassen mich zu langen, appetitanregenden Märschen aufbrechen. Dass ich dabei im tiefen dunklen Wald auf Aloe Blacc treffe, hätte ich nie für möglich gehalten. Nach kurzer Unterhaltung stellte sich jedoch ein sprachliches Missverständnis heraus (typisch Amphibien-Dialekt), denn es handelte sich um Herrn Yellow-Black mit einer Vorliebe für bayrischen Regenwald.

Unsere Gemeinsamkeiten beschränken sich darauf, dass wir beide recht langsam unterwegs sind, aber plötzlich auch sehr agil werden können. Also blieb es nur bei einem kurzen Gruß im Vorbeigehen und ich setzte meine Erkundungstour fort.

Regenwaldbewohner, ganz in der Nähe meines Lieblings-Häufchenplatzes.

02:50 Uhr

Geräuschalarm! Die Chefin meiner Residenz saß senkrecht in ihrem Bett und lauschte in die Nacht. Kein Zweifel, sie hatte etwas gehört. Einbrecher? Behände sprang sie aus dem Bett und stupste mich an einer Pfote. Interesse heuchelnd hob ich meinen Kopf, aber nur gerade so viel, dass sie meine Anteilnahme an ihrer Aufregung ahnen konnte.

Sie versuchte es mit Fingerschnippen, womit sie mich sonst sogar aus Tiefschlafphasen problemlos zum Gassigehen überreden kann. Ich tat so, als ob ich nichts gehört hätte. Mental konnte ich ihrer Panik entnehmen, dass sie Krallen gehört hätte, Katzen demnach ausschieden, sich auf jeden Fall ein fremdes vierbeiniges Monster Zutritt verschafft haben müsste.

Und wenn schon! In meinem Futternapf war nur ein trauriger Rest, den ich notleidenden Kreaturen von Herzen gönnen würde. Neugierig verfolgte ich von meinem gemütlichen Nachtlager aus die Kontrolle aller Türen, den Blick in meinen Napf und die Suche nach irgend welchen Spuren in der längst hell erleuchteten Residenz.

Ob ich verraten soll, woher die Geräusche kamen? Diese Krallen auf Fliesen und Teppichen waren natürlich meine! Wenn ich mich genüsslich auf meinem Nachtlager ausstrecke, finden meine Beine genug Platz unter dem kleinen Schrank und ich lasse ihnen die Freiheit, dort nach Hasen zu jagen. Teppich und Schrank mutieren derweil zu wilden Landschaften, über deren Felsen ich springe und … das kann schon mal zu einem nächtlichen Fehlalarm führen.

So lange ich hier wache, wird sich niemals ein Monster hereinwagen!

Außerirdische

Nein – die Nachbarn haben keinen Hund! Womöglich auch noch einen, der genauso aussieht wie ich? „Hallo juhu, ich bin’s, schau mal!“ Die Freude war leider nur auf meiner Seite, während ich auf der anderen Seite war, also hinter dem Zaun, beziehungsweise davor.

Wofür gibt es einen lebenden Zaun? Doch bestimmt nur, um lebenden Hunden das Leben an ihren lebendigen Schleppleinen zu erleichtern. Oder ist das nur eine Frage der Betrachtung?

Bloß keine Panik, bin ja schon wieder da. Aber die Lücken zwischen den Bäumen waren zu verlockend!

Dann musste ich auch noch kurz vor Mitternacht eine Gassigängerin begleiten, weil sie allen Ernstes alleine um die Häuser ziehen wollte. Das konnte ich nicht zulassen! Als ob das nicht das Schlimmste gewesen wäre, ist noch genau das eingetreten, wovor ich immer schon gewarnt habe: eine Begegnung der dritten Art.

Genau in Augenhöhe kam es auf mich zu, unregelmäßig blinkend, durch die Atmosphäre mäandernd, während es zugleich auf der Stelle zu schweben schien. Ich blieb sofort stehen, stellte mich schützend vor das zitternde Wesen an meiner Leine und knurrte im tiefsten Bariton. Mit recht, denn wie konnte sich Abby nur derart herausputzen!

Schade eigentlich, keine Abgesandte aus fernen Labrador-Galaxien. Mit Blinkerhalsband nachts in die Disco, sich aber tagsüber in schüchterner Zurückhaltung üben. Erstens ist dieses 80er-Jahre-Outfit längst passé, zweitens haben Discos immer noch geschlossen!

Traumbeute

Langeweile ist für mich ein Fremdwort. Sobald ich zwischen Essen, erholsamem Verdauungsschlaf und ausgiebigen Spaziergängen über eine freie Minute verfüge, bilde ich mich weiter – nicht nur kulturell. Weil dies alles in allem sehr anstrengend sein kann, entspanne ich bei Kreuzworträtseln.

Wenn die Lösung so einfach ist wie heute, ziehe ich mich doch lieber zurück auf mein Pseudo-Steppengras und träume von echten Herausforderungen. Lachshautknochen in Alaska fangen, oder Büffelhaut in der Prärie jagen, das sind Aufgaben, die zu mir passen!

Wenn ich dann ausgeschlafen habe, liegt meine Traumbeute hübsch angerichtet im Napf.

Anspruchsvollere Beschäftigungen wie schlafen und träumen sind mir wesentlich lieber!

Schattenkultur

Frühsommerliche Temperaturen freuen mich nur im kühlen Schatten. Deshalb bin ich täglich auf der Suche nach neuen interessanten Plätzen mit Schattengarantie. So lange der Kulturlehrpfad in der prallen Sonne liegt, finde ich andere wichtige Ziele wie dieses Denkmal zum Beispiel.

Ohne Johann Michael Herberich hätte es das St.-Josefshaus nicht gegeben, in dessen Anbau sich mittlerweile mein Lieblingscafé befindet. Dieser Mann verdient sein Denkmal wie kein zweiter!

Das Café-Bistro »Gute Laune« hat nun auch wieder geöffnet und wird bald wieder Ziel meiner Ausflüge sein!

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