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Meine Biographie

Es war ein warmer Sommertag, als meine Geschwister und ich das Licht der Welt erblickten. Nicht dass ich mich tatsächlich so weit zurück erinnern könnte, nur unsere Mutter sprach gelegentlich davon. Sie hatte sich dafür auf einen schattigen Platz hinter dem Hühnerstall der Finca von Enrique Garcia Garcia und seiner Frau Adora zurückgezogen. An die Namen der drei Kinder im Haus kann ich mich nicht mehr erinnern. Ich weiß nur noch, dass sie alle Tiere gut behandelt haben. Sogar die Hühner ließen sich beim Füttern immer wieder mal von ihnen einfangen, auf dem Arm herumtragen und streicheln.

Wir waren fünf Geschwister, doch außer mir gab es keinen weiteren männlichen Nachkommen für meinen Vater Alvaro und meine Mutter Flor. Vielleicht war ich deshalb ihr heimlicher Liebling. Sie nannte mich Raul. Wenn ich meine Augen schließe und ganz fest an sie denke, höre ich heute noch das zärtliche Grollen, mit dem sie mich rief. Sie nannte mich Raul, weil ich ein guter Rat gegen die Wölfe sein würde, falls Canis lupus signatus, der Iberische Wolf nach Mallorca kommen sollte.

Viel interessanter als der Wolf waren aber die Geschichten, die Mutter von unserem Großvater erzählte. Wenn die Rede auf ihn kam, spitzten auch meine Schwestern die Ohren. Großvater Dario, »Dario der Mächtige« wie er gerne genannt wurde, war nämlich kein Pastor Mallorquin – er war ein Chow Chow! Als er sich in unsere Großmutter Mora verliebt hatte, gab es wohl einigen Ärger in der Familie, der sich Dario selbstbewusst entgegenstellte. Die Form meiner Hinterläufe hätte ich von ihm und unverkennbar seine Ohren, schwärmte meine Mutter während sie sich an ihn erinnerte und mich dabei liebevoll anstupste.

Durch die gute Behandlung und das deftige Essen in der Finca wurde ich bald groß und kräftig, so dass mein Vater eines Tages entschied, es sei an der Zeit, dass ich ihn bei der Arbeit unterstütze. Mit stolz geschwellter Brust saß ich am nächsten Morgen bei Sonnenaufgang neben ihm, als ein scharfer Pfiff ertönte und wir gemeinsam auf Enriques Pritschenwagen sprangen. Diese erste Fahrt werde ich nie vergessen, weil die Berge der Sierra de Tramontana immer größer wurden. Ich kam aus dem Staunen nicht mehr heraus.

Zu unserer Herde gehörten 76 Schafe und Lämmer.

Am Ziel angekommen, erwartete uns Enriques Schafherde unter der Obhut meines Onkels Alejandro. Mit dem stimmte etwas nicht, denn er sprang für die Fahrt zur Finca nicht auf die Pritsche, er wurde hinaufgehoben. Wir waren also die Ablösung und hatten für die Sicherheit der Schafe zu sorgen. Keine leichte Aufgabe, wie wir feststellen mussten! 20 Tiere waren bei Marratxinet von 2 Hunden getötet worden, in Sa Casa Blanca nahe Palma de Mallorca waren 16 Lämmer und ein Schaf die Opfer wilder Hunde geworden. Vater und ich patrouillierten Tag und Nacht rund um die Herde, mit der wir uns schnell anfreundeten. Einmal pro Woche brachte Enrique frisches Wasser und einen ausreichenden Futtervorrat für uns beide. Mir gefiel dieses Leben!

Enrique kam immer tagsüber zu uns, meist am frühen Morgen. Deshalb war es merkwürdig bei Einbruch der Dunkelheit Motorengeräusche zu hören. Vater und ich waren besonders achtsam, so als ob wir ahnten, was uns bevorstand. Männer stiegen aus dem großen Lastwagen aus, rannten auf unsere Schafe zu und begannen, sie über eine Rampe auf die Ladefläche zu treiben. Mein tapferer Vater Alvaro, dessen Name zu recht Hüter und Wächter bedeutet, stellte sich zuerst noch mit lautem Bellen vor die Schafe. Als das nicht half, ging er zum Angriff über. Weil ich die aufgeregte Herde im hinteren Bereich der Weide beruhigen musste, konnte ich nur teilweise verfolgen, was vorne an der Straße geschah.

Eines jedoch hat sich unauslöschlich in mein Gedächtnis eingebrannt. Ein ohrenbetäubendes Geräusch. Ein furchtbarer Knall. Noch im gleichen Moment hörte ich den Aufschrei meines Vaters, der mir zurief „Lauf!“ Warum sollte ich die Herde aufgeben? Warum antwortete Vater nicht mehr? Ich verstand es nicht, gehorchte aber diesem Befehl und lief weg. 76 Schafe und Lämmer blieben schutzlos zurück.

Wohin nur sollte ich laufen? Den Weg zur Finca kannte ich doch nicht, weil ich nur einmal auf der Pritsche hergekommen war, nie zu Fuß. Anhand der Himmelsrichtung versuchte ich mich zu orientieren, war aber tagelang unterwegs, ohne auf eine menschliche Behausung zu treffen. Meinen Durst konnte ich stillen, aber der Hunger quälte mich sehr. Mit einer Maus wäre ich schon zufrieden gewesen, war aber zu ungeschickt eine zu fangen. Von leichtem Trab war ich längst in einen langsamen Trott verfallen, nur noch auf der Suche nach etwas Essbarem.

Verschiedene Motorengeräusche ließen mich aufhorchen. Das klang nach einer Straße, auf der Menschen unterwegs waren. Dort, wo die hinfuhren, würde ich bestimmt satt! So schnell ich noch konnte, folgte ich den Rücklichtern, froh bald am Ziel zu sein. Der Empfang war jedoch furchterregend und grausam. Kaum hatte ich die ersten Häuser erreicht, stellte sich mir eine Horde verwilderter Hunde entgegen. Vermutlich waren es solche, vor denen Onkel Alejandro uns gewarnt hatte. Ganz alleine und so geschwächt wie ich war, konnte ich es unmöglich mit den Raufbolden aufnehmen. Zu spät – ich war schon umzingelt. Zoltan, der Anführer, hatte leichtes Spiel mit mir, riss mir gleich ein Stück vom Ohr ab. Mir blieb nichts anderes übrig, als mich zu unterwerfen, anderenfalls wäre es ein Kampf um Leben und Tod geworden. Zum Glück ließ die Bande von mir ab, hatte kein Interesse mehr an einem Feigling wie mir.

Bohrender Hunger meldete sich zurück, mein rechtes Ohr blutete und ich konnte mich kaum noch auf den Beinen halten. Essen zu finden war aussichtslos. Sämtliche Hinterhöfe standen unter Bewachung durch Zoltans Rudel, rund um alle Mülltonnen war Sperrbezirk. Zutiefst traurig schleppte ich mich in eine Hausecke, wo ich Schutz unter einer Treppe suchte. Eine glückliche Fügung wollte, dass ich dort gefunden wurde und einen Platz im Tierheim erhielt; ein Jahr später übersiedelte ich nach Deutschland.

Das ist mein buntes, aufregendes Leben, zusammengefasst in wesentlichen Stichpunkten bis zu dem Tag, als mir Obdach in einem mallorquinischen Tierheim gewährt wurde.

Veröffentlicht von Pastor Mallorquin

Ich bin ein Pastor Mallorquin und ich bin weder süß, noch niedlich oder knuffig - ich bin einfach richtig!

5 Kommentare zu „Meine Biographie

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