Arzthelferin mit Arbeitseifer

An sieben Tagen in der Woche betreut Frida jeweils rund um die Uhr das komplette Areal meines Tierarztes. Unermüdlich läuft sie die Grundstücksgrenze ab, immer am Zaun entlang. Sobald sich jedoch ein potentieller Besucher nähert, legt sie schon mal einen olympiaverdächtigen Sprint quer über die Wiese hin.

Hier begrüßt mich Frida, wenn ich über die ewige Treppe aus dem Wald komme.

Mit ihrem freundlichen Wesen erleichtert sie jedem Vierbeiner den Besuch auf dem Gelände und in der Praxis. Es gibt garantiert keinen besseren Arzthelfer als einen Airdale! Mindestens zweimal täglich begrüßen wir uns im Vorbeigehen, und ich bin froh darüber, so nette Nachbarn zu haben.

Während ich einbiege auf die Zielgerade zu meiner Residenz, begleitet mich Frida am Zaun entlang.

Neujahrssingen auf dem Marktplatz

Als Bariton hätte ich vielleicht noch einen Platz im Chor bekommen, wenn ich gewollt hätte. Aber mir gefiel die Liedauswahl genauso wenig wie der kleinen Sopranistin aus der Parallelstraße. Gelangweilt beschnupperten wir uns unterm Weihnachtsbaum, während von Bundestagsabgeordneten, Stadträten und harmlosen Bürgern wie aus einem Mund zu hören war, dass alle Menschen Brüder werden; so zumindest lautete eine Liedzeile in »Freude schöner Götterfunken«.

Nette Begegnung unterm Weihnachtsbaum.

Fiene, so heißt die Hübsche mit dem roten Halsband, fand mich sympathisch! Ich fürchte nur, dass sie sich daran nicht mehr erinnert, wenn ich das nächste Mal bei ihr vorbeilaufe. Sie verteidigt Haus, Hof und Garten lautstark, sobald ein anderer Vierbeiner auch nur ungefähr in die Nähe kommt.

Wochenendeinkauf

Wochenenden brauchen viel Vorbereitung, ganz besonders wenn sich schon wieder ein Feiertag daran anschließt, so wie in Bayern der Dreikönigstag. Kühlschränke sind aber auch zu gefräßig! Alles was ihnen anvertraut wird, scheint sich in Licht zu verwandeln. Sie strahlen immer heller, leuchten ein ums andere Mal gieriger, bis sie scheinbar nur noch Licht enthalten.

Kritisch beobachte ich, wie lange mein Vorrat an herzhaftem Fleisch noch reicht. Täglich nach dem Morgenspaziergang setze ich mich mahnend vor die Köchin, bis sie mir endlich diese individuell gefüllten Häppchen reicht. Wegen mir müssten keine großen, harten, weißen Bohnen drin stecken, aber deswegen will ich sie nicht schon wieder tadeln.

Frisch gestärkt für einen großen Spaziergang an Tennisplatz und Schwimmbad vorbei, erreiche ich mit dem Dienstmädchen zusammen die Altstadt. Beim Optiker werden wir gleich bedient, aber bei »Erlesenes aus aller Welt« vermisste ich Coco. Sie war nebenan beim Juwelier, nicht in ihrem eigenen Laden. Die niedliche Kleine hat viel zu viel um die Ohren, denn es dauert seine Zeit, bis sie in jedem Geschäft der Fußgängerzone ihren täglichen Schutzkeks-Tribut eingefordert hat.

Doch dann kam der Höhepunkt: die Landbäckerei hat mich absolut begeistert! Niemals hätte ich für möglich gehalten, dass Hundekekse zum Kosten angeboten werden, bevor man sich zum Kauf entscheidet. Da war einer besser als der andere! Lydia, die nette Bäckerei-Fachverkäuferin, werde ich ab jetzt öfter besuchen. Beim nächsten Mal frage ich nach ihrem Dienstplan. Wenn wir uns ein bisschen näher kennen gibt sie mir bestimmt auch ihre Telefonnummer und dann – ja dann liegt es nur noch an mir und meinem umwerfenden Charme.

Hundekekse aus der Landbäckerei kann ich nur empfehlen!

Aggressiver Kampfschmuser

Kraft meines aggressiven Körpereinsatzes schaffe ich es sogar, die Sekretärin in der Residenz niederzuringen. Wenn sie dann völlig wehrlos vor mir liegt, kämpfe ich mich unter einem ihrer Beine hindurch, schiebe und drücke, bis sie weder vor noch zurück kann und nehme mir dann das zweite Bein vor. Mein Ziel ist die absolute Unterwerfung!

So macht schmusen Spaß!

Die Strategie sieht so aus, dass ihre beiden Beine auf meinem Rücken liegen und ich im richtigen Moment abrupt aufstehe. Auf diese Weise lege ich mein Opfer flach, um noch besser schmusen zu können. Rein theoretisch sollte der Plan funktionieren, doch als echter Kampfschmuser arbeite ich noch an zusätzlichen Feinheiten, die ich einzeln im Detail teste, bevor ich endgültig zur Tat schreite.

Traumziel Südafrika

Die Fotos machen mich schon neugierig, obwohl ich jetzt noch keine rechte Vorstellung von den Kreaturen habe, die mir so harmlos aus dem Plakat entgegensehen. Wegen des anhaltend hellgrauen Himmels bin ich unschlüssig, ob ich gerade in Blickrichtung Süden stehe. Sonst wäre ich doch gleich mal losgelaufen, dahin wo die Sonne so atemberaubend malerisch untergeht.

Das schöne an meinem Seniorendasein ist die Gemütlichkeit, mit der ich meine Spaziergänge einteilen kann. Ich bestimme das Tempo und natürlich bestimme ich auch wo es hingeht – aber genauso gerne lasse ich mich von neuen, unbekannten Zielen überraschen. Wenn ich das Plakat noch ein bisschen sehnsuchtsvoller anschmachte, machen wir morgen bestimmt einen Ausflug nach Südafrika! Oder übermorgen?

Über den Trans-Sahara Hwy/N1 laufe ich ungefähr 171 Millionen Pfötchenschritte, bis wir ankommen. Ist das viel?

Neujahrsbesuche

Viele gute Wünsche haben wir heute ausgesprochen. Dackel Nero war der erste, der mir am frühen Morgen begegnete. Bei Umira, der Doberfrau, kamen Genesungswünsche dazu, genau wie bei dem bedauernswerten Zweibeiner, der gestern nach einem Hundebiss ins Krankenhaus musste. Balou kam extra persönlich bei mir vorbei, aber Lilly hat nur eine gebellte Sprachnachricht geschickt. Lilly arbeitet als Therapiehund, hat wenig Freizeit und nutzt deshalb alle Möglichkeiten digitaler Kommunikation.

Besuch begrüße ich locker und leger ganz ohne Leine.

Mein Lieblingscafé war heute sehr gut besucht, deshalb blieb kaum Zeit zum Schmusen. Es gab auch keinen neuen Kosenamen, worüber ich ein kleines bisschen traurig war. Immerhin bin ich noch Schatzi und wurde von der Chefin sogar als „mein Freund“ begrüßt. Da kehre ich gleich um so lieber ein, schließlich fühle ich mich am runden Tisch hinten links schon beinahe wie zu Hause!

Schatzi im Café »Gute Laune«

Silvurster

Es muss ein Metzger gewesen sein, der den Jahreswechsel erfunden hat – ein Metzger und Hundeliebhaber, anders kann ich es mir nicht vorstellen. Vor allem muss es sich um einen sehr bedeutenden Menschen gehandelt haben, sonst würde das Fest keine ganze Woche dauern. Drei Tage zuvor beginnt es mit der täglichen Gabe dreier Leberwurstkügelchen, exakt über den Tag verteilt und feierlich serviert.

Hoch lebe der Erfinder von Silvurster, unserem Leberwurstfest!

Silvurster begehen dann einige spätpubertäre Zweibeiner viel zu lautstark, wenn man vergisst, auch ihnen Leberwurstkügelchen zu verabreichen. Wir Vierbeiner genießen noch drei weitere Tage diese wundervollen Kügelchen, um das neue Jahr genauso tiefentspannt zu beginnen, wie wir das alte aufgehört haben. Daher mein Aufruf an alle mitlesenden Artgenossen: wir schließen den Metzger und Erfinder des Leberwurstfestes in unser Nachtgebell mit ein!

5-Finger-System

Wer hier im Club 53 am Schreibtisch sitzt, tut dies ausschließlich zu meiner Freude. So weit habe ich mich mit dem Personal bereits verständigt. Zum einen sind meine Memoiren für die Nachwelt festzuhalten, zum anderen passt die Sitzhöhe perfekt, um mich wenigstens mit einer Hand zu kraulen, während die andere tippt. Fünf Finger reichen dafür nämlich lässig aus!

Meistens schiebe ich meinen Kopf zwischen Oberarm und Oberkörper hindurch, dann habe ich freien Blick auf Tischplatte und Tastatur, sozusagen zur Kontrolle. Dabei lasse ich mich von fünf Fingern kraulen und genieße jede einzelne Berührung. Allerdings sind mir die Hände der Sekretärin lieber, denn die beherrscht eine ganz spezielle Wirbelsäulenmassage, bei der garantiert jeder Hund schwach wird.

So macht Arbeit Spaß!

Boxertaxi

Ein Sonntagmorgen kann ganz schön arbeitsintensiv sein: Körner für die Vögel auffüllen, nachdem sie von der Treppe gekehrt werden mussten, weil ich das Hausmädchen geschubst habe. Garten kontrollieren, gefrorene Grashalme beschnüffeln und mit der Gassigängerin ausgiebig am Saaleufer entlang spazieren gehen.

Welch freudige Überraschung, auf der anderen Seite des Flusses Yvi zu entdecken. Obwohl sie heute so dunkel wirkte, erkannte ich sie an ihrem hübschen Gesicht und der eleganten Art, wie sie einen großen Stock zwischen ihren winzigen Zähnen balancierte.

Yvi sollte die aktuelle Mode auch auf dem Laufsteg präsentieren, so hübsch wie sie aussieht!

Yvi trägt die aktuelle Wintermode für Boxer, weil sie ohne Mäntelchen frieren könnte. Sie hatte es vom Flussufer aus nicht mehr weit bis zu ihrem Taxi, das dort für die Heimfahrt bereitstand. Ob ich mitfahren wollte, fragte mich die Süße. Oh ja!
Wie mache ich das nun? Angst gegen Stolz abwägen, mich nicht vor Yvi blamieren und ganz cool einsteigen? Bevor ich über eine logische Machbarkeitsstudie nachdenken konnte, hat mir Yvis Assistentin beim Einsteigen geholfen und ich saß wie selbstverständlich auf der Beifahrerseite im Wagen.

Ans Autofahren könnte ich mich glatt gewöhnen – wenn es dabei immer so feine Häppchen zu naschen gibt.

Was für ein Erlebnis! Mit allem hätte ich gerechnet, aber nicht damit. Autofahren mit Yvi könnte zu meiner neuen Lieblingsbeschäftigung werden. Natürlich habe ich mir (fast) nichts anmerken lassen, denn mein leichtes Zittern war kaum zu spüren. Aber das war auch keine Angst vor dem Auto, sondern nur die unterdrückte Erregung wegen diesem wundervollen Erlebnis!

Schatzi on Tour

Mir wird ganz warm ums Herz, wenn ich an sie denke. Heute hat sie Schatzi zu mir gesagt. Ich bin überzeugt, das könnte etwas Ernstes werden! In meiner Euphorie fange ich mit dem Highlight des Tages an, statt ganz von vorne zu erzählen.

Am späten Vormittag ein Häufchen im Garten ist die absolute Ausnahme, deshalb ließ ich mich gerne von den Plänen meiner persönlichen Animateurin überraschen. Tatsächlich liefen wir zur Mittagszeit los und bewältigten eine dieser ewigen Treppen bergwärts. Das gelingt mir gut, denn ich teile meine Kraft sinnvoll ein.

Nach einem weiteren Anstieg begegnete uns Frida, das Airdale Mädchen vom Tierarzt. Vor einiger Zeit hat sie mich über die Straße hinweg angeknurrt, aber heute war sie ausgesprochen freundlich. Eine angenehme Zeitgenossin, der ich mich leider nicht länger widmen konnte, denn der Gipfel lag noch in weiter Ferne.

Wenn ich nur wüsste, was ich hier soll …

Endlich – das erste Etappenziel war erreicht. Mich entzückte der Ausblick weniger, interessanter waren die vielen neuen Gerüche, die mir auf Schritt und Tritt in die Nase strömten. Außerdem gefiel mir die Diskussion um unser nächstes Ziel, denn aus allen Vorschlägen wurde das Café »Gute Laune« ausgesucht, mein Lieblingscafé! Also marschierten wir vom Berg zurück ins Tal, auf dessen andere Seite, und dann geschah es: sie hat zur Begrüßung Schatzi zu mir gesagt!

Vom Foyer aus schlage ich schon ganz automatisch den Weg ins Café ein.

Im silbernen Schälchen ließ sie mir heute sogar ihre Hausmarke »Eau de la vie« servieren, und die Nachwuchskellnerin kraulte mich beinahe so gut wie die Chefin selbst. Was für ein wundervoller Ausflug!

Zu meinem Glück fehlt nur noch ein Date mit Ginger unter Tisch 3.

Ob sie beim nächsten Besuch wieder Schatzi sagt? Nein, ich bin sicher, sie überrascht mich mit einem neuen Kosenamen und ich werde ihn lieben!

Jahreswechsel im Büro

Arbeiten zum Jahreswechsel können ganz schön anstrengend sein. Auf dem langen Weg zwischen Whiteboard und Kalender wechselte ich mich mit Balou tapfer ab. Nach einigen Stunden (Minuten?) legten wir eine Erholungspause ein, bei der ich Balou als erstem anvertraute, was ich gestern, am zweiten Weihnachtsfeiertag erlebt habe.

Arbeitsteilung wird bei uns groß geschrieben!

Auf dem Radweg kam meiner Gassigängerin und mir ein etwa 5-jähriger Junge mit seinem Fahrrad entgegen. Von einer kleinen Anhöhe aus taxierte er uns, beschleunigte und fuhr quer über den Weg direkt auf mich zu. Im letzten Moment bevor er mich rammen konnte, fing er bedrohlich an zu brüllen und fuchtelte mit den Armen in der Luft, so als ob er mich erschrecken wollte. Dann drehte er ab, beeilte sich auf seine Seite zurückzukommen und einige Meter Distanz zwischen uns zu bringen, bevor er sich herausfordernd umdrehte. Meiner Begleiterin ist nur ein „spinnst du?“ herausgerutscht, obwohl sie ihm liebend gerne eine Standpauke gehalten hätte.

Mir war der Bengel egal, der hat vielleicht nur für sein Berufsziel »Horrorfigur in der Geisterbahn« geübt. Von so etwas lasse ich mich nicht beeindrucken!
Wir gingen weiter und trafen nach der Anhöhe und einer Kurve auf den Vater des Bengels, seinen kleineren Bruder und einen Weimeraner. Wegen dem gingen wir ohne Erwähnung des Zwischenfalls vorbei.

Als wir nach geraumer Zeit zurück in den Club gehen wollten, standen diese Leute mit weiteren Spaziergängern so dicht vor dem Aufgang zur Fußgängerbrücke, dass wir nicht ungehindert vorbeikamen. Ein weißes spitzähnliches Etwas fing an zu kläffen und meine Gassigängerin wurde zur Rede gestellt, weil sie das Kind getadelt hatte.

Nach dem ersten Teil ihrer Erklärung „fuhr diagonal über den Radweg“ wurde sie sofort unterbrochen mit den Worten „dafür ist ein Radweg da“. Auf den zweiten Teil, in dem sie erklären wollte, wie das Kind mich angebrüllt hatte, weil es mich erschrecken wollte, wurde sie belehrt „dafür ist es ein Kind“.

Der einzige, dem die ganze Situation wirklich am Fell vorbeiging war ich. Das arme Wesen an meiner Leine, vor lauter Aufregung nah an einem Asthmaanfall, schlängelte sich mit mir durch die versammelten Leute ohne ein weiteres Wort der Erwiderung.

Der Weimeraner, so habe ich heute im Büro gehört, ist als „Beißer“ bekannt. Nach dem gestrigen Erlebnis wundert es mich nicht. Ich möchte nicht wissen, was der Ärmste in dieser Familie alles erdulden muss. Irgenwann ruiniert das auch die Psyche des friedlichsten Hundes.

Sympathische Security

Die Landschaft hat sich wegen des Regens verändert. Der Pegel der Saale ist deutlich gestiegen und das ansonsten harmlose Katarakt verwandelte sich in reißende Stromschnellen.

Beeindruckende Naturgewalt wo sonst kaum Strömung sichtbar ist.

Da verging mir die Lust auf ein Schlückchen Schlabberwasser, das wollte ich dann lieber im Café zu mir nehmen. Doch mit späteren Öffnungszeiten als während des Jahres hatte ich nicht gerechnet.

Der stattliche Kangal wollte dort ebenfalls eine Pause einlegen und überlegte gerade als ich kam, welches andere Café offen haben könnte. Während der Festspielsaison arbeitet er auf der Burg als Nachtwache und lässt so schnell keinen an sich heran.

Mindestens 70 Kilo, aber gut erzogen.

Ich fand ihn auf Anhieb sehr sympathisch, hielt aber gebührend Abstand, um seine Freundlichkeit nicht zu sehr zu strapazieren. Gemeinsam legten wir die Strecke zu den nächsten Cafés zurück – nur um dort vor gänzlich verschlossenen Türen zu stehen.

Hier trennten sich unsere Wege.

Zurück in mein Lieblingscafé? Ach nein, lieber auf direktem Weg in den Club auf eine meiner Kuscheldecken, ich weiß nur noch nicht auf welche.

Wolfos Legende

Gestern, an Heiligabend jährte sich zum wiederholten Male der Tag, an dem wir Hunde uns alle an die Überlieferung von Wolfo erinnern. Eine Geschichte, die jede einzelne Generation wieder und wieder an ihre Nachkommen weitergibt, immer am Weihnachtsabend. Aus der wahren Begebenheit ist eine Legende geworden, genau wie Wolfo zum Inbegriff des Anführers aller Rudel geworden ist.

Nach der Bescherung und dem Weihnachtsspaziergang vorbei an Weihnachtsfenstern in der Nachbarschaft, hörten mir die Bewohner im Club aufmerksam zu.

Es braucht eine ganz besondere Stimmung, um alten Geschichten zu lauschen.

In meiner Familie war Onkel Ernesto, ein Bruder meines Vaters, der Erzähler und wenn er fragte, ob wir die Legende von Wolfo hören wollten, lauschten wir alle wie gebannt. Wolfo, der vor langer, langer Zeit gelebt hat, ist nämlich Augenzeuge der Geschehnisse.

Wolfo war nicht nur clever, sondern auch sehr gebildet. Er kannte unseren Werdegang vom Wolf zum Haushund, weshalb er vermutlich auch Wolfo genannt wurde. Heute heißt eine solche Partnerschaft Win-win-Strategie, damals ging es einfach nur ums Überleben. Viele Tausende von Jahren begleiteten wir die Menschen und deren Viehherden schon, waren längst zuverlässige Haus- und Hofhunde geworden, bis das passierte, wovon ich nun berichte.

Von Zeit zu Zeit hatte sich der Baustil geändert. Nicht dass es um Hundehütten ging, nein, wir hatten damals noch keine eigenen Häuser. Die sprichwörtlichen vier Wände der Menschen veränderten sich. Ungefähr vor dreitausend Jahren, vielleicht liegt es auch nur zweitausendneunhundert Jahre zurück, wurden Fachwerkbauten modern.

Bei den ersten Fachwerkhäusern handelte es sich um hölzerne Skelette, deren Zwischenräume mit luftgetrockneten Lehmklumpen ausgefüllt waren, zur Sicherheit mit etwas Stroh gemischt.

Reviermarkierungen gehören bei uns zum Alltag, wie anderswo Straßenschilder und Reklametafeln. Deshalb suchen wir prädestinierte Stellen dafür aus und versorgen sie regelmäßig. Ebenso kann es sich um wichtige Mitteilungen handeln, die wir für die Nase und zur Information des nächsten Vierbeiners hinterlassen.

Es begab sich also, dass einer der wohlhabenden Kaufleute von Niederdorfholzen sein neues Fachwerkhaus am Rand des Marktplatzes hatte bauen lassen, an einer Straßenecke, die sehr oft frequentiert wurde. In den frühen Abendstunden eines bis dahin ganz normalen Werktages hatte der Berner Senn des Hufschmieds endlich frei und drehte seine obligatorische Runde um den Marktplatz. An der linken Ecke des Kaufmannshauses war seine Reviermarke nahezu komplett ausgelöscht. Zu viele Rüden hatten sich dort in den letzten Stunden verewigt, und geregnet hatte es obendrein während des ganzen Tages, wie schon seit einigen Wochen.

Der Senn holte tief Luft, um alles zu geben, was er konnte, blickte dabei starr geradeaus auf den Marktplatz, höchst konzentriert. Wolfo, der gerade auf der gegenüberliegenden Seite des Platzes wartete, dass die Fuhrmannsleute die Reste ihres mitgebrachten Proviants auf den Misthaufen warfen, konnte den Senn von weitem riechen. Er verströmte unverkennbar den Geruch nach verbranntem Huf. Wolfo freute sich auf die Neuigkeiten, die der Senn täglich von Dalmatinern erfuhr, die den reich beladenen Fuhrwerken vorausliefen, und sah ihm erwartungsvoll entgegen.

Für einen Moment dachte Wolfo noch an eine Sinnestäuschung, dann nahm die Katastrophe ihren Lauf. Aufgeweichtes Lehm-Stroh-Gemisch sackte in sich zusammen und das darüber liegende Gebälk geriet zunehmend in Schieflage. Wolfo warnte den Senn mit durchdringendem Geheul, bis sein Crescendo den höchsten Ton erreichte. Der Senn, endlich aus seiner Konzentration gerissen, blickte suchend auf, gerade als die Hauswand – eben schien sie noch einer Pappel im Wind zu gleichen – über ihm zusammenbrach.

Wolfo meinte seinen Augen nicht trauen zu können und lief sofort zur Unglücksstelle. Der stattliche Senn muss sofort tot gewesen sein, hatte sicher nicht leiden müssen. Wolfo fasste noch in dieser Sekunde einen Entschluss. Er schlug Alarm und berief eine Versammlung für alle Hunde ein, die seine Stimme über Felder und Wälder hinweg hören konnten. Bei Einbruch der Dunkelheit lagen sie nach langen Marschwegen erschöpft auf dem Boden der Allmende, andere saßen aufrecht, aber jeder blickte Wolfo erwartungsvoll an.

Er begann mit den Worten „der Senn ist tot“ und augenblicklich herrschte absolute Stille, gelegentlich unterbrochen vom Schluchzen der einen oder anderen Hündin, die vorübergehend dessen Lebensgefährtin gewesen war.

Nach einigen Minuten des Schweigens fuhr Wolfo mit der Schilderung des Unfalls fort und schloss mit dem flammenden Appell: „Rüden, lasst euch das eine Lehre sein! Wir wissen nie, wie gut oder schlecht ein Haus gebaut ist. Wir können aber für unsere eigene Sicherheit sorgen, indem wir das Bein heben und ab sofort alle Wände und Mauern, mögen sie noch so hoch oder niedrig sein, damit abstützen. Belehrt eure Kinder und Kindeskinder, auf dass sie dieses Wissen weitergeben und nie mehr ein solches Unglück geschehen muss!“

Jedes Mal wenn Onkel Ernesto seine Erzählung beendet hatte, waren wir zutiefst ergriffen, gedachten der Seele des armen Senn und spürten Wolfos starken Geist. Auch wenn es nach der langen Zeit längst zur Routine geworden ist, das Bein beim Markieren zu heben, ist es wichtig, dass diese Legende keinesfalls in Vergessenheit gerät – erzählt sie also weiter!

Das lange Reden war anstrengend, ich ziehe mich jetzt zurück.

Weihnachtspaket

Mit der Tradition des gegenseitigen Schenkens war ich noch nicht vertraut und deshalb sehr überrascht, als auch ich bei der Bescherung an Heilig Abend bedacht wurde und anfangen sollte mit dem Auspacken.

Das Paket war fast so groß wie ich!

Ausgerechnet das größte Paket war für mich! Anfangs hielt ich mich zurück, doch das Papier war dann recht schnell entfernt.

So etwas habe ich noch nie erlebt.

Wie gut es darin duftete! Ein kleines bisschen Erinnerung und eine ganze Nase voll Zuhause kam mir entgegen.

Warm, weich und wetterfest – das ist genial.

Meinen lieben Freundinnen aus dem Tierheim von Gelnhausen schicke ich jetzt ganz viele Stupser und Schmuser. Es war toll mit Euch in den vergangenen neun Jahren und ich wüsste wirklich nicht, was ich ohne Euch gemacht hätte.

Danke für alles Ihr Lieben!

Leine los!

Zu meinem größten Vergnügen durfte ich heute zum ersten Mal ohne Leine spazieren gehen. Balou war auch dabei, hat mit mir das Laub am Waldrand aufgewirbelt und zur Erfrischung haben wir das gute Pfützenwasser getrunken.

Beim Spaziergang haben wir uns für Freitag im Büro verabredet „zwischen den Jahren“.

Nur der kleine Nero war der Meinung er müsste uns verbellen. Erst nachdem ich ihm unmissverständlich einen Blick auf meinen weit offenen Ober- und Unterkiefer gegönnt habe, war er tatsächlich still und artig. Bin gespannt, ob er sich beim nächsten Treffen daran erinnert und gleich brav ist.

Der kleine Nero.
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