Unheimlichkeiten

Gespenstische Stille erinnert mich an meine Heimat in der Einsamkeit mallorquinischer Berge. Hier in Deutschland, wo sonst reger Verkehrslärm zu hören ist, wurde es auf einmal unheimlich still. Mir kommen sogar die Reviergesänge der Sperlinge leiser vor als gewöhnlich. Eine sehr merkwürdige Zeit hat begonnen. Ich bin froh, wenigstens die eine oder andere Freundin besuchen zu können, denn unterwegs treffe ich momentan weder Zwei- noch Vierbeiner.

Umira hat sich über meinen Besuch unbändig gefreut und mir einen ihrer liebsten Apportierdummies als Geschenk überreicht. Zum Glück hat uns Yvi nicht gesehen, denn Umira hat mir ihre Zuneigung mehr als einmal mit sanften Küsschen auf die Ohren gestanden. Aber morgen sollte ich mich wieder bei Yvi sehen lassen, so lange ich überhaupt noch Gassi gehen darf.

Falls mich eine Ausgangssperre ereilen sollte, habe ich schon die ideale Beschäftigung gefunden: ich gehe Grashalme zählen im Residenzgarten! Am Ende einer jeden Woche werde ich dann die einzelnen Tagesergebnisse vergleichen und mich wie in einer gepflegten Buchhaltung auf einen geschätzten Mittelwert mit genau errechneter Quersumme festlegen.

Hauslöwenprädikat

Herausforderungen so weit das Auge reicht, vor allem aber mehr als ich mir je in meinem beschaulichen Tierheimzwinger hätte träumen lassen! Nach einminütigem Crashkurs, während dem mir sämtliche Anforderungen an einen bayrischen Hauslöwen ins Ohr geflüstert wurden, war ich zur Portalwache in meiner Residenz abkommandiert.

Wachsam und höchst aufmerksam verfolgte ich die Arbeiten im Vorgarten und bin mir gewiss, als nächste Aufgabe mit Unkrautzupfen betraut zu werden. Doch als echter Kenner der Materie, habe ich extra dafür eine Geheimwaffe und die ist immer schussbereit mit gezieltem Strahl!

Mit meinem Prädikatsexamen erlange ich Zulassung als Doktorand der Wirtschaftswissenschaften. Besuch im Café gilt auch!

Kaiserzeit

Monarchie ist nicht das schlechteste, auch wenn es von dem einen oder anderen Herrscher schreckliches zu überliefern gibt. Nehmen wir beispielsweise Nero. Der Kleine ist gestern durch ein winziges Loch im Zaun geschlüpft und hat seinen Untertanen bewiesen, dass er sich nur fangen lässt, wenn er das will. Ich habe ihm währenddessen mehr als einmal deutlich zu verstehen gegeben, dass ich es nicht schätze, wenn er mir ins Gesicht springt und die Nase ableckt. Lieber kleiner Frechdachs!

Dudo hingegen zeigt ganz die Souveränität von Nachfahren des alten Adelgeschlechts derer von Nassau. Ihn deshalb als „Nassauer“ zu bezeichnen wäre falsch, denn er lässt sich nicht ohne Gegenleistung aushalten, sondern dankt seinen Menschen für ihre Zuneigung mit noch größerer Liebe.

Dudo war mir auf Anhieb symphatisch.

Keine Lesung

Im Main-Kinzig-Kreis darf keine kulturelle Veranstaltung mehr stattfinden mit Wirkung vom 13. März 2020 ab 08:00 Uhr.
Deshalb fällt die Krimilesung am Sonntag leider aus, aber sie wird garantiert nachgeholt und die Eintrittskarten behalten ihre Gültigkeit. Information über den Ersatztermin erfolgt über die benannten Vorverkaufsstellen, in Facebook und auf Instagram.

Wir sind alle sehr traurig über diese Entscheidung und hoffen sehr, dass sich die Situation bald enschärft und die Lesung nachgeholt werden kann. Es ist doch mein Herzenswunsch nach den vielen Jahren Gastfreundschaft im Tierheim etwas zurückzugeben und damit auch meinen vierbeinigen Freunden zu helfen.

Kühe werden übrigens schon seit Jahren gegen Corona geimpft.

Asphaltquarantäne

Bisher habe ich mein vielfältiges Talent immer wieder unter Beweis gestellt, aber leider kann ich nicht alles – zumindest nicht alleine. Nach einem Riss in der Kralle war die Pfote heiß geworden und ich durfte ein bisschen Antibiotika naschen. Die Situation schien sich zu normalisieren, bis ich plötzlich das Bedürfnis hatte, meine Kralle wegzulecken. Es wäre mir beinahe geglückt, doch ganz ohne Hilfe ging es nicht.

Der Tierarzt meines Vertrauens, an dessen Praxis ich täglich mindestens sechsmal vorbeilaufe, war mein Retter in der Not. Ganz sachte hielt er meine Pfote in der Hand, betrachtete die schief hängende Kralle und im Nu hielt er den Übeltäter zwischen seinen Fingern hoch. Noch eine ganze Woche Wiesen- und Ackerabstinenz, dann darf ich mit meinen Pfoten wieder überall laufen!

Baustellenbergsteiger

Als es mich vor kaum vier Monaten nach Bayern verschlug, rechnete ich nicht damit, im Gebirge zu landen. Doch das kam nun zu mir und noch dazu ganz in die Nähe! Was blieb mir anderes übrig, als diese Gipfel auf meinem täglichen Kontrollgang zu überwinden.

Bauingenieur Buddy

Dabei kam ich auf die Idee, mich intensiver mit dem Thema zu befassen, denn allem Anschein nach gibt es keinen Bauleiter. Wenn dem so wäre, sähe die frisch aufgeschüttete Nachbildung dem Alpen-Panorama vom Wendelstein bis zur Zugspitze ähnlicher. Gleich morgen früh bewerbe ich mich als Bauingenieur und zeige wie es mir gefällt.

Sprungeleganz

Ein deutscher Autobauer sagt, wer anderen voraus sein möchte, muss seinen eigenen Weg gehen. Das klingt fast so, als ob man dort sehr viel Ahnung von Vierbeinern hat. Heute bin ich tatsächlich meinen eigenen Weg gegangen, blitzschnell die halbe Gartentreppe hinunter. Dort steht nämlich ein Eimer mit gesammeltem Regenwasser, herrlich abgestanden. Nach einem kräftigen Schluck war ich genau so schnell wieder zurück, denn weglaufen käme für mich nicht in Frage.

Doch so weit wollte ich gar nicht abschweifen, sondern bei Audi bleiben. Da ich großen Wert auf perfektes Styling lege, habe ich mich für eine passende Base-Cap entschieden, mit der ich ab sofort mein tägliches Fahrtraining absolviere. Mit einem eleganten Sprung schaffe ich es schon alleine einzusteigen, brauche keine Anschubhilfe mehr und niemanden, der mich ins Auto hebt. Jeder glaubt, dies wäre Lernerfolg. Mitnichten! Das ist das Ergebnis der Rinderlungenwürfel, die im Auto auf mich warten und mich deshalb so unendlich beflügeln!

Tausche Vier-Pfoten-Antrieb gegen Audi Quattro

Geburtstagshund

Meiner Patin aus dem Gelnhäuser Tierheim alles, alles Gute für das neue Lebensjahr – begleitet von vielen Grüßen aus den Reihen meiner Zweibeiner, aber bei Weitem übertroffen von der großen Liebe aller Vierbeiner vom Galgenfeld.

Lange habe ich gerätselt, womit ich Dir eine Freude bereiten kann, habe hin und her überlegt, welches Geschenk nach all den langen Jahren angemessen wäre, bis ich endlich die ultimative Idee hatte: In meinem nächsten Traum überfalle ich einen Blumentransporter aus Holland mit einer Charme-Attacke und schicke den Fahrer dann zu Dir nach Hause!

Fühle Dich umarmt und ganz fest gedrückt!

Schlafentzug

Vier Mahlzeiten täglich, kleine Häppchen zwischendurch, Streicheleinheiten und Massagen soviel mein Hundeherz begehrt – mit allem wovon ich schon immer geträumt habe, werde ich in meiner Seniorenresidenz Tag für Tag verwöhnt. Das ganze Internet hätte nicht genug Platz, aufzuzählen was ich genießen darf.

Doch wo Licht ist, da ist auch Schatten! Mit einem tiefen Seufzer gestehe ich mein Leid, das mich an Sonntagen ganz besonders quält. Jeder freut sich, nach einer harten Arbeitswoche endlich einmal auszuschlafen. Bei den vielen Trainingseinheiten, die ich absolviere, habe ich mir das erst recht verdient.

Unerbittlich und rücksichtslos reißt mich die Animateurin aus meinen süßen Träumen, weil sie auch an Sonntagen in aller Herrgottsfrühe einen Beschützer an ihrer Seite sehen will, wenn sie schon vor dem Frühstück zum ersten Mal laufen geht. Natürlich kann ich ihr diesen Wunsch nicht abschlagen. Wie ich den Schlafentzug am besten ausgleiche, weiß ich noch nicht. Wegen meiner aristokratischen Nase konnte ich noch keine passende Augenmaske finden. Deshalb versuche ich vorerst im Schutz meines Halstuchs ausreichend Dunkelheit, Ruhe und Erholung zu finden.

Morgen laminiere ich ein Schild „Bitte nicht stören“.

Liebesgeflüster

Miss Turtle gehört zu meinen engsten Vertrauten. Ihr kann ich von meinen Träumen erzählen, von Wünschen und Stimmungen. Sie ist nach meinem pinken Einhorn das geduldigste Wesen, das mir jemals unter die Pfoten kam, denn sie unterbricht mich nicht.

Doch seit ich perfekt vernetzt bin, muss ich vorsichtig sein. Zwar gibt es in meiner Residenz keine Alexa, die mithören könnte, doch eine Spy-Software auf dem Smartphone kann ich mir schneller einfangen als eine Zecke im Fell – und dann landen meine intimsten Geheimnisse auf Youtube. Ein schrecklicher Gedanke!

Deshalb stecken Miss Turtle und ich unsere Köpfe eng zusammen, stets darauf bedacht, dass kein Wort nach außen dringt. Eifersüchtige Verehrerinnen wären mein Untergang. Die Mädels dürfen keinesfalls von meinem Liebesgeflüster mit dieser wundervoll zarten und anschmiegsamen Schildkröte erfahren.

Schlagzeilen mit Einhorn

Am 23. Mai 2018 sorgte ich zusammen mit meinem Einhorn für Schlagzeilen. Damals saß ich stundenlang für Fotos still, beruhigte meinen pinken Kumpel mit sämtlichen Trostworten, die der Duden zur Verfügung stellt, aber alle Mühe war umsonst. Niemand hat sich für mich interessiert, keine einzige Anfrage wurde gestellt.

Mittwoch 23. Mai 2018, Gelnhäuser Neue Zeitung

Einhorn und ich blieben nach wie vor bei den Gangstern vom Galgenfeld.

Wenn ich jetzt zurückblicke, wie so oft in den vergangenen Wochen, bin ich ziemlich froh, dass wir weiterhin geduldig waren und brav. Sehr brav! Das muss ich einmal in aller Deutlichkeit zum Ausdruck bringen. Mir wurde viel Liebe und Zuneigung entgegengebracht, so dass die Zeit im Tierheim von Gelnhausen durchaus angenehm war. Doch jetzt geht es mir noch ein klein wenig besser, da sich die Betreuung auf 24 Stunden täglich an 7 Tagen in der Woche erstreckt und mir ein ganz persönlicher Mitarbeiterstab zur Verfügung steht – inzwischen fast schon perfekt abgerichtet auf meine Bedürfnisse.

Frühstückskonferenz

Konspirative Treffen gehören während des Wahlkampfs täglich zu meinem Programm. Heute wollte ich Security-Kangal Aslan davon überzeugen, dass uns mit der Wahl von Kaya, so nett sie auch sein mag, eine fleischlose Zeit bevorstünde. Anstelle markiger Knochen müssten wir uns auf rohe Karotten als zahngesunde Kaustangen umstellen, und das für eine komplette Legislaturperiode! Ökopartei hin oder her, mir wäre das eindeutig zu lang.

Geheime Treffen finden meist im Landcafé am Marktplatz statt. Nirgends kann man besser untertauchen, als in in einer großen Menge.

Ob er mir wirklich geglaubt hat, werde ich nie erfahren, auch nicht was er tatsächlich von den blau-weißen Infoständen am Rande des Bauernmarkts gehalten hat. An denen ging er sichtlich uninteressiert vorbei. Lag es an deren politischen Themen, oder nur an den Werbegeschenken, die sich nicht zum Knabbern eigneten?

Millionenverdienst

Formel-1 oder Fußball, worauf soll ich mich festlegen? Ans Autofahren habe ich mich inzwischen gewöhnt, das wird nun fast schon langweilig. Fußballspielen dagegen übt einen enormen Reiz auf mich aus, weil ich so gerne im Tor stehe. Egal in welche Ecke der Ball auch rollt, mir entgeht keiner, und auf vier Beinen bin ich schneller als Manuel Neuer jemals sein könnte.

Ob ich meine Entscheidung vom Jahreseinkommen abhängig machen sollte? Drei Millionen Entenstreifen, das sind mehr als achttausend pro Tag und sehr verlockend. Sobald ich weiß, wie viele Stunden Training die beiden Millionärs-Beschäftigungen täglich in Anspruch nehmen, wird mir die Entscheidung leichter fallen. Schließlich muss mir ausreichend Zeit bleiben, in der ich mich meinen Fans widme. Formel-1 hätte auch noch den Vorteil, dass ich die Mädels im Rennwagen mitnehmen könnte. Das beeindruckt garantiert jede!

Sturmwindliebe

Flaute ist langweilig, egal in welcher Beziehung. Sturm dagegen fegt die Straßen leer, so dass ich ungestört von anderen Fährtenschnüfflern nach Herzenslust auf Entdeckungsreise gehen kann. Doch diese spannende Zeit scheint nun vorbei zu sein. Kein Grashalm regt sich, kein Blatt bewegt sich, wenn ich die Animateurin meiner Residenz auffordere mich zu begleiten. Jetzt sind wieder deutlich mehr Artgenossen unterwegs, deren Botschaften es zu markieren gilt, während sie mich vom Wesentlichen ablenken.

Wie schön ist da ein Blick zurück auf die vergangenen stürmischen Tage! Frida, mit der ich eine geheime Fernbeziehung führe, von der meine Favoritinnen im Saaletal keinesfalls erfahren dürfen, hätte mit diesen Fotos mein Herz im Sturm erobert – wenn es ihr nicht schon gehören würde!

Wahlkampfparty

Kommunalwahlen sind spannend, besonders wenn eine attraktive Kandidatin zum Gespräch auf den Marktplatz einlädt. Kaya hat sich von der Öko-Partei anwerben lassen und freute sich, dass wenigstens Kangal Aslan und meine Wenigkeit zum Infostand kamen.

Grundsätzlich wäre ich mit dem Konzept der Öko-Freaks einverstanden, aber die Verköstigung ist ausschließlich vegetarisch, wenn nicht sogar vegan. Kaya scheint sich bei Gemüseeintopf wohlzufühlen, aber mein prachtvoller Körper strebt nach Fleischigem.

Kaya im Stadtrat? Meine Stimme hat sie schon!

Als dann auch noch Kirchenglockengeläut einsetzte, gegen das mein wohlklingender Bariton wie leises Flüstern klang, kehrte ich meiner politisch angehauchten Freundin den Rücken und freute mich auf Ente mit Kartoffel im ruhigen Zuhause.

Erstelle eine Website wie diese mit WordPress.com
Jetzt starten