Kaum regnet es mal kurz – was sind schon drei Tage in Folge – wird die Windmaschine nicht mehr gebraucht und an exponierter Stelle entsorgt. Vielleicht verstehe ich das auch falsch, und der Ventilator steht an dieser Stelle der ewigen Stufen, damit er bei der nächsten Hitzewelle für frischen Wind in Bayern sorgt. Eine dritte Verwendungsmöglichkeit könnte das Mischen von Regentropfen sein, sozusagen ein letztes Umrühren, damit sie fein zerstäubt landen.
Die Wahrheit werde ich vermutlich nie erfahren, aber das ist mir ganz unter uns gesagt auch egal. Ab sofort werde ich beobachten, ob noch mehr Ventilatoren dazukommen und ich bin neugierig, wie lange dieser nun hier stehen bleibt.
Von Betty, der Rottweilerhündin und Freundin meiner Vorgängerin Tootsie hier im Club 53, wurde mir erzählt, sie wäre begeisterte Vegetarierin geworden. Betty war vielleicht begeistert, dass sie überhaupt noch etwas zwischen die Zähne bekam, das kann ich mir eher vorstellen. Ein schrecklicher Gedanke, auf Lammlungenwürfen und Entenstreifen verzichten zu müssen!
Da habe ich es besser getroffen, denn die Residenzköchin legt großen Wert darauf mich zu verwöhnen, obwohl sie den sonstigen Bewohnern nur Salat und Gemüse, aber kein Fleisch vorsetzt. Dennoch fehlt mir hier etwas.
Weder rauchiger Duft nach Salami, noch herzhafter Schinkengeruch wabert verlockend durch die Räume, oder gar das unverkennbar leichte Aroma von frischem, blutigem Fleisch. Ist es da ein Wunder, dass ich der Versuchung erlag in fremden Räumen zu räubern? Wie kann jemand von Müll sprechen, wenn etwas so gut riecht?
Ich gestehe (ohne Reue) den Plastikmüll in einer fremden Wohnung im Flur verteilt und sortiert zu haben, bis ich die Tüte fand, die mich dazu inspirierte. Spanische Chorizo! Mehr gebe ich von diesem Erlebnis nicht preis, denn ich habe auch meinen Stolz! Vielleicht noch so viel, dass der anschließende Wirbel einer Mischung aus Taifun und Tornado glich. Dabei genieße ich lieber den Kunstwind aus dem Ventilator, der mein Fell sanft streichelt.
Für mich war absolut nicht nachvollziehbar, was die paar Tropfen Regen plötzlich bewirkten. Alle Fenster, alle Türen meiner Residenz wurden bis zum Anschlag aufgerissen, während ich wie ein Fels in der Brandung versuchte, Ruhe in das Durcheinander zu bringen.
Weit gefehlt. Umbaumaßnahmen folgten, der Speisesaal wurde nach draußen verlegt, so weit entfernt, dass ich nicht einmal mehr das Besteck klappern hörte. Niemand achtete auf meine kritischen Blicke, genau genommen achtete niemand mehr auf mich. Da saß ich nun wie bestellt und nicht abgeholt, durfte den Regen beobachten, aber sonst tat sich nichts. Absolut rein gar nichts, abgesehen davon, dass sich der Regen erdreistete zu allen offenen Türen hereinzuregnen.
Da ich keinen Auftrag hatte, ja nicht einmal verpflichtet gewesen wäre als bayerischer Hauslöwe im Eingang zu sitzen, machte ich diesmal keine Tür zu. Ich saß da einfach so lange, ohne mich von der Stelle zu bewegen, bis der Tanz losging. Schrubber wurden im Takt mit Putzlappen geschwungen, wechselten sich mit dem Wischmopp ab und ich hatte den besten Platz, mich daran zu erfreuen!
Jetzt hätte ich das mit dem Kontakt-Tagebuch beinahe schon wieder vergessen. Yvi kam auf ihrem Rückweg vom Gassi ganz gemütlich zu mir rein, obwohl ihre Assistentin rannte, als ob sie verfolgt würde. Vermutlich war das so und sie wollte von niemandem gesehen werden, denn sie schien gerade in Kleidung geduscht zu haben.
Es sind nicht des Kaisers neue Kleider (bitte keinen Rückschluss auf Nero ziehen), sondern zwei hübsche Schmetterlinge, die es nicht ganz so oft zu sehen gibt. Momentan ist es direkt etwas besonderes, überhaupt jemanden zu treffen, da sich bei dieser gnadenlosen Hitze alles im Schatten verkriecht.
Meine Animateurin besteht neuerdings darauf, morgens schon eine Stunde eher durch den Wald zu marschieren. Ihr ist es vermutlich genauso warm wie mir. Ich gestehe, dass ich darüber nachdenke, eine Demo zu organisieren. Wir wollen die Einführung der 24-Stunden-Siesta durchsetzen. Ich weiß nur noch nicht, wie ich meine Mitstreiter bei der Hitze auf die Straße bekommen soll.
Beinahe hätte ich vergessen zu erwähnen, dass ich heute früh gegen 7 Uhr drei Häuser weiter eine Ratte im Hof verschwinden sah: dies nur der Vollständigkeit halber für mein Kontakt-Tagebuch.
Versprochen ist versprochen, also beginne ich heute mit meinem Kontakt-Tagebuch. Als Fremdenfreund mit spanisch-hessischem Migrationshintergrund begegne ich den Samtpfoten in meiner neuen Nachbarschaft sehr wohlwollend. Ganz besonders die Graue hat es mir angetan, mit ihr möchte ich Freundschaft schließen. So lange ich gebührenden Abstand wahre bliebt dies allerdings Wunschdenken und ich kann den Kontakt nur auf Entfernung pflegen.
Die Weiße habe ich schon öfter ganz entfernt im Wald gesehen, die Schwarze bleibt eher in ihrem angestammten Revier, aber die Graue, die kommt zu Besuch. Darüber habe ich mich sehr gefreut und ich hoffe, dass ich sie bald wiedersehe. Dann lade ich sie ein, einmal viel näher zu kommen. Ich verspreche auch, nicht mit dem Schwanz zu wedeln, damit es bestimmt keine Missverständnisse gibt!
Sie war hinterm Blumentopf versteckt, hat mich dabei liebevoll geneckt. Doch näher kommen wollt‘ ich nicht, muss Abstand halten. Ist das Pflicht?
Manche bewegen sich als Nachtfalter durchs Leben, manche werden Schmetterling, ich dagegen bin prädestiniert als Teppichfalter. Auch aus den größten Exemplaren der Gattung »terram earum stragulum« wird unter gutem Zureden und meinen kräftigen Pfoten bewegliches Steppengras, das ich mir dann so zurechtlege, wie ich es gerne mag.
Was soll ich auch anderes tun bei dieser Hitze, als bequem herumzuliegen? Da war zwar noch die Idee, täglich ein Kontakt-Tagebuch zu schreiben, aber das verschiebe ich auf morgen. Versprochen!
Einfaches Falten ist einfach, mehrfaches Plissieren dagegen gehört zur hohen Kunst der Teppichbeherrschung!
Es ist zwar ein bisschen wärmer als sonst, also ein ganz kleines bisschen, aber das hält mich nicht davon ab, fleißig zu sein. Bei keinem meiner Ausflüge versäume ich, ausreichend Kletten einzusammeln – immer mit der Absicht, dass es mir etwas nutzt.
Die Vorteile, die ich mir dadurch sozusagen spielerisch erarbeite, sind durchaus angenehm und äußern sich durch sanftes Kämmen und zartes Bürsten. Fellmassage bis in die Haarspitzen!
Entrüstung ist noch harmlos formuliert, Empörung trifft es besser: ich wäre ein Pantoffeldieb, noch dazu ein ganz hinterlistiger, denn die beiden corpus delicti seien spurlos verschwunden. Wenn es wenigstens Bergsteigerstiefel gewesen wären, die mir im hügeligen Bayern zugute kämen – aber Pantoffeln? Ich wüsste gar nicht, was ich damit anfangen sollte!
Die Baritonstimme deklamierte und referierte langatmig über Ordnungsliebe, genaue Erinnerung und wiederholte den Verdacht gegen mich. Ein Vorwurf, dem ich Interesse heuchelnd lauschte. Kommentarlos verließ die Residenzchefin den Frühstückssaal, um wenige Sekunden ebenso kommentarlos ein Paar unbeschadeter Pantoffeln zu präsentieren.
Nur mit mir wechselte sie einen verschwörerischen Blick, denn sie wusste, dass ich nicht ganz unschuldig war – wenn auch unbeabsichtigt. Da ich nun mal der Größte bin, brauche ich sehr viel Platz mich auszustrecken und bei der Gelegenheit habe ich wohl die Hausschuhe unter dem Schuhschrank an die hinterste Ecke der Wand geschoben.
Mir stellt sich jetzt nur noch die Frage: bin ich ein Pantoffelheld?
Arbeit muss sein, egal wie heiß es ist und ich bin immer dabei, weil – ja genau – weil es ohne mich einfach nicht geht. Wer hätte denn die unglaubliche Geduld aufgebracht, diesen Regen auf korrekte Tropfenzahl bei gleichbleibender Fallstärke zu überprüfen? Dabei genieße ich die meditative Bewegung von links nach rechts, von rechts nach links, zur Mitte und zurück …
Doch der Tag ist noch nicht vorbei und das Schwerste liegt noch vor mir: reglose Siesta bis zum Abend, ohne mit den Pfoten zu zucken. Ich kann es nicht versprechen, werde mir aber größte Mühe geben, auch diese Aufgabe wieder mit Bravour zu meistern.
Für mich als vierbeinigen, pharmakologischen Laien war es schwierig zu verstehen, dass die HWZ nicht das Gleiche ist wie die Halbzeit beim Fußball. Was soll ich mir nun wirklich vorstellen unter einer Zeitspanne, nach der eine mit der Zeit abnehmende Größe die Hälfte des anfänglichen Werts erreicht?
Da ist es doch immer wieder hilfreich, bei den täglichen Spaziergängen die Augen aufzuhalten. Dieses Corona hat tatsächlich die Hälfte des anfänglichen Werts erreicht, obwohl ich gestehen muss, dass es mir erst dann (unangenehm) aufgefallen ist, als es Pegel und Standort tagelang beibehielt.
Für meinen Namensvetter, den Herdenschutzhund Buddy, der sein früheres Leben an einer Kette (!) verbrachte, wird eine neue Behausung gebraucht. Weil die Sparda-Bank eine Hilfsaktion ins Leben gerufen hat, stehen die Chancen für Buddy gut – wenn – ja wenn oft genug auf diesen Link geklickt wird.
Was bin ich froh, mit einem vernünftigen Fell auf die Welt gekommen zu sein. Wenn nicht, hätte ich in den letzten Tagen ein Mäntelchen gebraucht. Diese unterschiedlichen Temperaturzonen erinnern ein bisschen an den Frankfurter Palmengarten, von dem mir schon erzählt wurde. Da gibt es ein Kältehaus, das bestimmt noch wärmer ist, als die Wohnung in der wir Zuflucht gefunden hatten.
Homeoffice ist dort, wo der Computer steht und ich bin dort, wo meine Sekretärin tippt. Also meistens jedenfalls. Gestern waren mir die 21° gerade recht, während das Außenthermometer bald 31° im Schatten anzeigte.
Eintauchen – ablecken – genießen! Sommer kann so schön sein und erfrischend! Dabei gibt es noch viel mehr, was mir am Sommer gefällt, nämlich die ausgedehnte Siesta. Es ist wie zu Hause auf Mallorca, wo der ganze Nachmittag für Tagträume zur Verfügung stand. Bei nächster Gelegenheit werde ich anregen, im Winter ebenfalls solche Pausen einzulegen, auch wenn die Heizungswärme kaum so intensiv sein wird, wie die momentane Sonne.
Meiner ganz speziellen Freundin, der Residenzköchin, habe ich versprochen, dass ich ab sofort den kompletten Abwasch erledige. Teller, die ich ablecke, sind garantiert sauberer als aus jeder Spülmaschine! Aber das mache ich nur, wenn ich dafür mindestens eine Portion Joghurt als Belohnung bekomme.
Bei unseren höchsten hündlichen Feiertagen verehren wir den Canis Major, das Sternbild Großer Hund. Vom ersten, dem Muliphein, bis zum Aludra, dem letzten zugehörigen Stern, entsteht dieser alles beherrschende, aufrecht sitzende große Hund am Nachthimmel, dem ich meine Verehrung entgegenbringe.
Diese Tage – noch ein bisschen heißer als andere – hinterlassen jetzt schon deutliche Spuren, allerdings anderer Art, als ich es mir je gedacht hätte. So wollte beispielsweise unser Hausmeister heute von mir einen Keks. Natürlich hätte er sich bedienen können, aber dann wollte er doch keinen mehr. Bestimmt war es ihm einfach nur zu heiß.
Ähnlich ging es dem armen Mercedes, der einfach nicht mehr wusste, was er sollte. Schlussendlich wollte er wohl Gassi gefahren werden. Auch eine Art der Fortbewegung. Dabei stellte sich heraus, dass ihm nur kühlender Fahrtwind gefehlt hatte, denn als er dort ankam, wo er hingebracht wurde, funktionierte er wieder einwandfrei.
Da soll noch einer die Menschen und deren Autos verstehen. Ich jedenfalls genieße die kühlen Waldwege auf der Schattenseite der Berge.
Mit geschlossenen Augen schlafe ich keinesfalls, denn ich meditiere am liebsten ohne Ablenkung durch äußere Einflüsse. Dabei lässt es sich perfekt philosophieren – ganz besonders, wenn ich auf der linken Seite liege – und mir gelingen unglaubliche Erkenntnisse, mit denen ich zu meinem verdienstvollen Ruhm beitrage.
Zum einen mache ich mich um die Zunft aller Vierbeiner verdient, zum anderen verdiene ich Entenstreifen, mit denen mich meine Sekretärin nach erledigtem Diktat verwöhnt; doch zurück zur Philosophie.
Durch Lotte – welche ein Glück – wurde ich auf das Phänomen unserer Straßenseiten aufmerksam. Mit L beginnen die Namen der Damen vis-a-vis, die da wären Lucy, Luna und Lotte. Namen mit L wie Links auf der linken Seite, höchst bemerkenswert.
Das angsteinflößende Warnschild ist etwa doppelt so groß wie Luna.
Lucy ist ganz nett, aber sie mag meine Kekse nicht.
Diese tiefgreifende Erleuchtung verfolge ich mit geschlossenen Augen, bis sie mich zurückführt auf die rechte Seite und erkennen lässt, dass hier das R – wo ich wohne – für richtig steht. Warum? Richtig: rechts im Schrank steht der Vorrat an Entenstreifen!